Die Sache mit dem Loslassen konnte ich lange nicht verstehen.
Wie soll ich Angst loslassen, wenn ich vor dem Abgrund stehe? Wie soll ich Schmerz loslassen, wenn es doch so weh tut, dass ich an nichts anderes mehr denken kann? Wie soll ich Ärger und Wut loslassen, wenn ich mich ohnmächtig fühle und um mich schlagen möchte? Wie soll ich die Sehnsucht loslassen, wenn ich doch nichts lieber will als das, wonach ich mich so sehne?
Du musst loslassen, dann kommt das ganz von allein! Schön gesagt...
Letztendlich - oder eben auch nicht in letzter Weisheit - habe ich für mich dazu die Erkenntnis erlangt, dass ich keine Energie mehr darauf ver(sch)wende, unerwünschte Emotionen und Gefühle zu deckeln und mit positiven Sprüchen zuzudecken. Ganz ehrlich: Abgesehen von dem enormen Energieaufwand trichtere ich mir dadurch nur ein, dass ich nicht richtig bin und anders sein muss. Das allein ist schon ein Irrsinn hoch drei und bringt mir garantiert keinen inneren Frieden. Ergo: Ich quäle mich nicht mehr mit dem Spruch "Du musst loslassen!"
Besser ist es für mich, das Gefühl/die Emotion dann hochkommen zu lassen, wenn ich allein bin, mich also vollkommen auf das einlassen kann, was da ist ohne dabei im Außen reagieren zu müssen. Ich gestehe mir zu, ich achte mich, ich nehme mich wahr, ich respektiere und akzeptiere mich in meiner Ganzheit mit allem, was da ist. Kein schlechtes Gewissen, weil ich so fühle, wie ich fühle - ohne Anstandsgrenzen und Selbstverurteilung. Einfach nur mal fühlen und zur Beobachterin meines Selbst werden, zur verständnisvollen Mutter meines inneren Kindes. Ich erkenne die Verletzung, ohne darin zu versinken.
Und dann passiert da etwas in mir: Mein Körper zeigt mir ganz genau, wo der Schmerz sich festgefressen hat. Ganz intuitiv fange ich an, meinen Körper zu beklopfen, zu streicheln und einem Zittern, Gähnen oder Bewegungsdrang nachzugeben. Ich bewege meine Augen schnell von links nach rechts, von oben nach unten, im Kreis und in Form der liegenden 8. Ich erlaube mir, Grimassen zu schneiden und (vielleicht auch endlich einmal) zu schreien. Alles darf sein, es gibt kein richtig oder falsch und niemanden, der mich zurecht weist mit erhobenem Zeigefinger und sagt: "Was soll denn das, das tut man nicht!"
Ich lasse es geschehen, ich lasse das Leben durch mich hindurchfließen, ungehindert, ungebremst. Bilder und Erkenntnisse tauchen in mir auf, ich sehe die Ursache und lasse auch sie in mir hochkommen. Endlich! Ehrlich! Ohne Wertung! Mit viel Liebe für mich selbst!
Danach fühle ich mich vielleicht erschöpft, aber auch selbst-bewusst und frei und sehr erleichtert. Ich bin eins mit mir, habe den Kampf gegen mich selbst erkannt und meine eigene Verurteilung losgelassen.
Und ich lächle.



